Erna Roder

fotografiert von Uli Pschewoschny

Erna Roder (zum 95. Geburtstag ) von Jörg Swoboda, Buckow


Sie begann erst im achten Jahrzehnt ihres Lebens intensiv zu malen und war Malerin aus Notwendigkeit. Hatte sie Ambitionen, sich als Künstlerin zu stilisieren? Fehlanzeige. Sich einen Nimbus zuzulegen, war ihr völlig fremd. Keine Marotte, keine besondere Kleidung oder Frisur sind von ihr zu berichten. In ihrer Nüchternheit und Bescheidenheit lag vielmehr der Wunsch: „Bitte kein Trara um mich! “Ich habe noch nie einen Menschen kennen gelernt, der so wenig Aufhebens von sich gemacht hätte und dabei doch so viel Aufsehen erregt hat.

 

Wer in die Kirche von Kienitz kam, konnte erkennen, dass ihr Leben um eine besondere Mitte kreist, und fühlte sich von dieser kleinen und einfachen Frau angezogen. Wir fanden in Erna Roder einen wirklichen Menschen: eine Frau geradlinig in ihrem protestantischen Glauben, herzensgut, weise, leise und gleichzeitig mit hohem Durchsetzungsvermögen, mit trockenem Humor ausgestattet, mit zwei Händen voll praktischer Solidarität für Notleidende und in ihrem Wesen mit der seltenen Begabung, scheinbar Kompliziertes auf einfache und klare Linien zurückzuführen.Und dabei wollte sie nicht als ehrenwerter Mensch mit Spitzenwerten glänzen. Wer ihr begegnete, konnte bald ahnen, wo bei ihr das Feuer brennt. Sie versteckte ihren Glauben nicht im Herzen, sondern brachte ihn auf die Lippen. Sie wollte in einer Welt der heimatlosen Herzen die gute Nachricht weitersagen, dass Jesus Christus uns alle liebt und dass wir bei ihm alle willkommen sind. Wer das an Erna Roder nicht sehen wollte, würde verkennen, worum es ihr hauptsächlich ging. Bevor wir uns ihrem Werk zuwenden und erfahren, wie sie zur Retterin der Kienitzer Kirche werden konnte, schreiten wir im Sauseschritt Stationen ihres Lebens ab.

 

Geboren wurde sie 1916 als Erna Hofemeister in Langhelwigsdorf in Schlesien und wuchs auf dem elterlichen Bauernhof auf. Sie erlernte den Beruf einer Krankenschwester und beendete ihre Ausbildung im Jahr 1936. In den folgenden 30 Jahren arbeitete sie in verschiedenen Krankenhäusern, Altenheimen und Gemeinden. Die Wucht und die Wunden des Krieges, den Irrsinn des Gemetzels und den Wirrwar des Zusammenbruchs erlebte sie in Lazaretten an den Betten unzähliger verwundeter Soldaten. 1946 verlor sie ihre schlesische Heimat und kam auf Umwegen nach Hoerstgen im Rheinland, wo sie mit ihrer Mutter lebte und als Gemeindeschwester arbeitete. Hoerstgen war die Partnergemeinde von Kienitz. Und als der damalige Kienitzer Pfarrer Roder seine Frau durch einen Unfall verlor und mit seinen Kindern allein dastand, siedelte Erna Hofmeister vom Westen in den Osten über und zog 1965 nach Kienitz. Sie führte den Pfarrhaushalt und heiratete später Pfarrer Roder, der 1981 an Asthma starb.

 

Als Anfang der achtziger Jahre der durch Kriegsschäden bedingte Verfall der Kirche nicht mehr zu übersehen war, ging Frau Roder daran, Geld für den teilweisen Wiederaufbau zu sammeln. Sie brachte enorme Energie für die wichtige Botschaft auf: Die Kirche bleibt im Dorf! In lakonischer Kürze beantwortete sie einmal die Frage nach dem Warum ihres Eifers: „Ich male, damit sie in die Kirche gehen können. Ohne Gott ist keine Ordnung.“ Was haben ihre Bilder mit Ordnung und dem Heilwerden von Menschen zu tun? Ihre knappe Antwort zeigt uns, wie bewusst und wie weit sie den Bogen in ihrem Herzen spannte. Ihre Bilder sollten Freude wecken und waren zugleich ein Hinweis auf Gott, der in der Schöpfung das Urchaos ordnete und diese schöne Welt erschuf. Oft nahm sie Menschen bei der Hand oder sogar bei sich auf, deren Leben heillos durcheinander gekommen war, gab ihnen zu essen, wusch ihre Wäsche, ermutigte sie und vermittelte ihnen weitergehende Hilfe.

 

Da an Spenden zu wenig zusammen kam, schlug sie einen anderen Weg ein. Sie begann, Grafiken in Linol zu schneiden, sammelte Tonscherben und alte Bretter und bemalte sie, schuf Bilder in Aquarell oder malte in Tempera auf Kirchenschiefer. Ab Mitte der neunziger Jahre finden wir bei ihr zunehmend Pastellgrafiken. Sie war aus Notwendigkeit zur Malerin geworden. Was können wir auf ihren Bildern sehen? Sämtliche Motive entstammen dem unmittelbaren Lebensumfeld der Künstlerin. Neben Stillleben malte sie hauptsächlich Landschaften. Eingebettet darin finden wir oft Gebäude, Menschen und Tiere.

 

Ein häufiges Motiv ist die Kienitzer Kirche selbst, die aus nahezu jeder Perspektive und zu jeder Jahreszeit dargestellt wurde. Weitere Motive sind Kirchen aus der Umgebung, wie z. B. in Alttrebbin, Herzfelde, Alt Barnim oder Wilhelmsaue. Aber auch der Gasthof „Zum Alten Fritzen“ in Altlewin, die Bockwindmühle in Wilhelmsaue, der Oderhafen von Kienitz, Deiche und Bauernwirtschaften können wir auf ihren Bildern betrachten.

 

Immer wieder ist die Oder das Motiv: im Winter als vereister Fluss und im Herbst mit Hochwasser. Auch fernere Motive sind zu finden, wie etwa die Oder bei Lebus und die dortigen für unsere Gegend seltenen Adonisröschen. Auch den heute in Polen liegenden Ort Sierkierki malte sie mehrfach. Erna Roder war keine große Malerin. Diesen Anspruch hatte sie selbst nie. Aber sie war eine im besten Sinne des Wortes „naive Künstlerin“, weil sie ohne Vorkenntnisse ausschließlich Motive aus eigener Anschauung malte. Sie hatte keinen Lehrer und kopierte kein künstlerisches Vorbild. Ihr Herz führte ihr die Hand. Der Verkauf ihrer Bilder gestaltete sich schließlich so erfolgreich, dass die Kirche 1986 neu verputzt werden konnte.

 

Mit der Wende rückte die Verwirklichung eines brennenden Wunsches in erreichbare Nähe. Und so gab sie von 1992 bis 2002 einen Oderbruch-Kalender heraus, in dem jeden Monat eines ihrer Bilder als heraustrennbare Postkarte abgedruckt war. Zu jedem Motiv wählte Erna Roder einen passenden Bibelvers aus, denn die Schönheit der Schöpfung sollte den Betrachter auf den Schöpfer aufmerksam machen. Auch die Einnahmen für die Kalender wurden zum Erhalt der Kirche verwendet. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre nahmen zu ihrem großen Kummer ihre Sehkraft und ihre körperlichen Kräfte so rapide ab, dass sie schließlich nicht mehr malen konnte. Die Staffelei an der geöffneten Luke im Turm der Kienitzer Kirche verwaiste. Aber immer noch gab sie mit großer Energie einige Jahre lang ihren Kalender heraus und schmiedete weitere Baupläne für die Kirche.

Im Sommer 2007 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz vom Bundespräsidenten Horst Köhler.

 

 

 

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